Der hl. Lambertus damals und heute


Predigt von Regens Dr. Stephan Ackermann / Kirmes 2001

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Der hl. Lambertus ist der Patron unserer Kirche, und er ist - weil Kirchenpatron - auch der Patron des Studienhauses. Deshalb hat es mich gereizt, mich in den zurückliegenden Wochen ein wenig mit ihm zu beschäftigen und einmal hinter die Legenden zu schauen, die sich um sein Leben und besonders um seine Sterben herum entwickelt haben.

Aus der Zeit des Mittelalters gibt es fünf Lebensbeschreibungen über Lambert, die - je jünger sie sind, umso legendärer werden. Die älteste aber stammt aus dem frühen 8. Jahrhundert, etwa 25 oder 30 Jahre nach dem Tod des Heiligen. Ihr Verfasser hat Lambert zwar nicht mehr persönlich gekannt, aber er hat noch Zeitgenossen von ihm befragen können.

2. Die Lebensbeschreibung Lamberts entführt uns in die Zeit des frühen Mittelalters. Das römische Reich im Abendland war durch die Stürme der Völkerwanderungszeit zerfallen, seine Verwaltungs- und Bildungsstrukturen nur noch in kleinen Resten übriggeblieben, die spätantike Kultur war niedergegangen.

Insgesamt treffen wir auf eine Gesellschaft, die viel primitiver ist als die städtische Gesellschaft der Spätantike. Man ist organisiert in Sippen, in Familienclans, angeführt von Stammesfürsten. Beherrscht wird das Frankenreich zu dieser Zeit von der Sippe der Merowinger, die ihren königlichen Hof nach dem Modell eines großen Bauernhofs organisiert hatten: es gibt einen Mundschenk, einen Knecht für die Pferde, einen für das Gesinde und allen voran einen Großknecht, den sog. Hausmeier.

Als Lambert geboren wird, haben die Merowingerkönige allerdings - durch Rivalitäten untereinander geschwächt - bereits den Höhepunkt ihrer Macht überschritten. Die Hausmeier haben entscheidenden Einfluss gewonnen.
    
Lambertus in der Karweiler Pfarrkirche

3. Von Lamberts Familie wissen wir, dass sie über großen Grundbesitz verfügte und im Rang von Grafen stand. Jedenfalls konnte sie es sich leisten, ihren Sohn bei privaten Lehrern ausbilden zu lassen und dann in die Obhut des Bischofs Theodards von Maastricht zu geben, der dem Königshof nahestand. Dass die bischöflichen Schulen einer der Hauptträger der damaligen Bildung waren, überrascht nicht, da für die Ausbreitung des Glaubens ein Mindestmaß an Bildung gefordert war. Kaum jemand beherrschte Latein, ja konnte überhaupt lesen und schreiben, was die Weitergabe des Glaubens, bei der die Wortverkündigung eine so große Rolle spielt, sehr erschwerte.

Zwar war das Frankenreich grundsätzlich seit der Taufe Chlodwigs im Jahr 511 christlich, aber der Glaube war im Adel wie in der Landbevölkerung noch stark durchsetzt mit heidnischen Elementen. Kein Wunder, wenn z.B. in den Berichten über die Taufe Chlodwigs davon die Rede ist, dass mit ihm über 3000 Gefolgsleute in das Taufbad stiegen. Das entsprach zwar dem damaligen Clandenken, geschah aber sicher nicht aus innerer Überzeugung jedes einzelnen.

Zur Aufgabe der Bischöfe gehörte daher die Arbeit an der Vertiefung des angenommenen Glaubens. Zum anderen galten die Bischöfe als "Väter der Armen", weil sie sich besonders um die Armenfürsorge kümmerten und diese organisierten. Der Auftrag Jesu zum Dienst am Geringsten wurde zu dieser Zeit sehr ernst genommen, zumal es viele gab, die unter Hunger und Kälte, Verelendung, Verschuldung und Krankheit litten.

Natürlich waren die mittelalterlichen Bischöfe Menschen ihrer Zeit, insofern auch sie noch dem Sippendenken verhaftet waren. Konkret konnte das heißen, dass sie der Sippe des Fürsten angehörten oder mit ihr verbündet waren. Darüber hinaus holten sie an ihren eigenen, bischöflichen Hof Mitglieder ihrer Familie. Genau dieser Umstand hat das Leben des hl. Lambert bis in den Tod hinein geprägt.

Doch zunächst noch einmal zurück zum jungen Lambert in der bischöflichen Schule und am königlichen Hof: Als um das Jahr 670 Bischof Theodard aus ungeklärten Gründen ermordet wird, schlagen die Würdenträger des Hofes dem König (Childerich II.) Lambert als Nachfolger auf dem Bischofsstuhl vor.

Damit wird Lambert zugleich einflussreicher Ratgeber des Königs. Als nur kurze Zeit später (675) auch der König einem Anschlag zum Opfer fällt, muss Lambert ins klösterliche Exil nach Stavelot (im heutigen Belgien). An seiner statt wird ein anderer Bischof (Pharamond) eingesetzt.

Als sich sieben Jahre später die Machtverhältnisse wieder ändern, kann Lambert in sein Bistum zurückkehren. Inzwischen hatte Pippin (II., der Mildere), der Vater von Karl Martell und Urgroßvater Karls des Großen, die Macht übernommen. Er setzt Lambert wieder in seine alten Rechte ein, so dass der Bischof seine Christianisierungsbemühungen fortsetzen kann.

Eines Tages geschieht es nun, dass sich zwei Verwandte (Gallus und Rivaldus) von Pippins Guts Verwalter Dodo an Bediensteten von Lamberts Hof vergreifen. Daraufhin kommt, was nach frühmittelalterlichem Recht kommen muss: Angehörige aus Lamberts Sippe töten die beiden Verbrecher. Das wiederum hat zur Folge, dass Dodo auf Vergeltung sinnt und seine Privatmiliz aussendet, um Rache zu nehmen. Nach mittelalterlichem Recht mussten bei der Blutrache nicht exakt die Täter bestraft werden. Es reichte, wenn man einen Angehörigen der feindlichen Sippe tötete.

Nicht selten suchte man sich dazu absichtlich einen hochstehenden Vertreter aus, um die ganz Sippe zu treffen. So nimmt das Unheil seinen Lauf: Im Morgendunst des 17. September 705 (?), so berichtet die älteste Lebensbeschreibung Lamberts, nähern sich Dodos Krieger Lüttich, wo sich Lambert zu dieser Zeit aufhielt. Es wird Alarm gegeben und auch Lambert rüstet sich zur Veteidigung mit dem Schwert. Doch dann lässt er die Waffe fallen, weil er nicht töten will. Er zieht sich stattdessen zum Gebet zurück.

Die Angreifer stürmen das Haus und metzeln die Begleiter des Bischofs nieder. Einer der Krieger klettert auf das Dach, reißt den Belag herunter, sieht den Bischof betend in seiner Kammer knien, die Arme überkreuzt und tötet ihn mit einem Speerstoß. Die Überlebenden bergen den Leichnam des Bischofs und bringen ihn auf einem Schiff in Hast zurück nach Maastricht, wo er im Familiengrab beigesetzt wird.

4. Liebe Schwestern und Brüder, eine tragische Geschichte! Doch für die Perspektive des Glaubens wirken die historischen Fakten irgendwie ernüchternd. Denn ihnen zufolge ist Lambert, den wir als Märtyrer verehren, Opfer einer mittelalterlichen "Vendetta", einer Blutrache geworden. Dafür spricht auch die Tatsache, dass Pippin, obwohl er Bischof Lambert sehr schätzte und nachher seine Verehrung förderte, seinen Gutsverwalter Dodo nicht bestraft hat. Er konnte und wollte es wohl nicht, da der Vorgang wahrscheinlich nach den damaligen Vorstellungen nicht unrechtmäßig war.

Lambertus am Winzerverein     

Lambert ist also kein Märtyrer im landläufigen Sinn; keiner, der sterben musste, weil er standhaft seinen Glauben bekannt hat. Worin besteht dann aber seine Heiligkeit - abgesehen davon, dass er sich für die Ausbreitung des Glaubens im Gebiet der Maas eingesetzt hat?

Ich meine, sein Zeugnis besteht darin, dass er in einer entscheidenden Situation seines Lebens das damals legitime Gesetz der Vergeltung und die Dynamik von Gewalt und Gegengewalt durchbrochen hat. Das ist seine "heilige" Tat. Sie hat ihn das Leben gekostet, aber sie hat Frucht getragen und Wirkung gezeigt durch die Geschichte hindurch. Es ist die Dynamik des Weizenkorns.

Nicht nur die christliche Botschaft als solche, sondern auch das Lebenszeugnis von Menschen wie Lambert, von Menschen, die in entscheidenen Momenten das Evangelium - auch in seiner scheinbaren Weltfremdheit! - getan haben, hat unsere abendländische Welt verändert über Jahrhunderte hin zu dem, was wir heute "zivilisierte Welt" nennen, und worauf wir stolz sind. Das Fundament, auf dem wir stehen, sind das Evangelium und das Martyrium, so befremdlich sich das für uns aufgeklärte Menschen auch anhören mag.

5. Liebe Schwestern und Brüder, sie haben schon gemerkt, worauf ich hinaus will: Mag die Zeit Lamberts nun schon fast 1300 Jahre zurückliegen, mit seinem Lebenszeugnis ist uns Lambert - trotz seiner menschlichen Begrenzungen - immer noch voraus.

Wir sind zu Recht heilfroh, keine mittelalterlichen Verhältnisse mehr zu haben, aber seit Dienstag vergangener Woche - dem Tag der entsetzlichen Attentate in Amerika - tauchen Ideen auf, die wir längst überwunden glaubten: Worte wie "Vergeltung" und "Rache" machen die Runde.

Und auch mittelalterliches Clandenken ist keineswegs ausgestorben, wenn ein ganze Nation (wie die USA) oder eine ganze Glaubensgemeinschaft (wie der Islam) für die Untaten einzelner in Sippenhaft genommen wird.
    
Lambertus auf Kirmes-Festschlips

Schwestern und Brüder, die Andeutungen mögen an dieser Stelle genügen. Sie wissen, was gemeint ist. In all dem wollen wir heute und in den nächsten Tagen dankbar Kirmes feiern; dankbar für das Geschenk unseres Glaubens und für die, die ihn uns bezeugt haben. Aber wie das bei Geschenken Gottes so ist:

In ihnen steckt der Anspruch, sie nicht für sich allein zu behalten, sondern sie zu teilen und einzusetzen zur Ehre Gottes und zum Wohl der Menschen.

Amen.

Benutzte Literatur:

A. Angenendt: Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400-900, Kohlhammer - Stuttgart-Berlin-Köln 1990, v.a. 169-203.253-264. J.-L. Kupper: Saint Lambert: De I'histoire à la légende, in: Revue d'histoire eccle-siastique 79 (1984), 5-49.

Texte: Apg 7,55-60 (Lesungen aus dem NT f. Märtyrer 1) Job 12,24-26 (Evv. f. Märtyrer 5)

Kurze Lebensbeschreibung des hl. Lambertus


Aus dem Lambertuskärtchen / Ortsarchiv

Der heilige Bischof und Märtyrer Lambert von Maastricht wurde nach 635 in Maastricht in den Niederlanden geboren. Er war der Sohn reicher Eltern. Diese gaben Lambert in die Obhut des damaligen Bischofs Theodard - öffentliche Schulen gab es ja zu dieser Zeit nicht, und wer es sich leisten konnte, gab seine Kinder zu gelehrten Leuten. So auch die Eltern Lamberts.

An der Domschule zu Maastricht lernte Lambert die Grundkenntnisse des damaligen Wissens und zeigte Neigung, Priester zu werden. Mächtige Herren bedrückten den Bischof. So machte sich dieser auf, König Childerich II, der zu dieser Zeit in Speyer weilte, sein Leid zu klagen und Gerechtigkeit zu fordern. Doch seine Widersacher waren schneller: sie lauerten Theodard auf -und ermordeten ihn. Der Bischofsstuhl von Maastricht war verwaist.

Da wurde Lambert - es war um 672 - zu seinem Nachfolger gewählt und übernahm die schwere Aufgabe. Zwar bestätigte König Childerich II. die Wahl, doch nach der Ermordung des Königs im Jahr 675 wurde Lambert vom damaligen Hausmeier Ebroin, einem mächtigen und gewissenlosen Mann, abgesetzt und in die Verbannung geschickt. Lambert kam ins Kloster Stablo südöstlich von Lütt ich und verbrachte dort sieben bittere Jahre.

Nach dem Sturz Ebroins durch Pippin d.M. konnte Lambert wieder auf seinen Bischofsstuhl zurückkehren und ordnete die längst verworrenen kirchlichen Verhältnisse in seiner Diözese. Außerdem organisierte er die Mission in Nordbrabant.

Lambert verteidigte das Recht der Kirche auf Unabhängigkeit gegenüber allen Großen seiner Zeit. Dadurch geriet er in Streit mit dem Grafen Dodo. Dieser sann auf Rache. Sie war Dodo möglich, ohne sein Gesicht zu verlieren, als einmal zwei seiner Leute in Lüttich ermordet wurden. Lambert wußte nichts davon.
Doch Dodo schob ihm die Schuld in die Schuhe, ja noch mehr: er ließ ihn in seiner Wohnung zu Lüttich mit dem Dolch ermorden. Das war am 17. August 705 oder 706.

Lambert wußte darum, daß er werde sterben müssen. Er empfing seine Mörder betend. Deshalb wurde er nach seinem Tod vom frommen Volk bald als Märtyrer verehrt. Über dem Ort seines Todes wurde bald mit dem Bau einer Kirche begonnen.