Erlebnisberichte


bis 2000

Die "Bombe", die aus dem Märzhimmel kam 1983


Bonner Rundschau / 1983

„Sturm geläutet" hat am Sonntagmorgen Heinz Bach aus Lantershofen bei seinem Nachbarn, dem Rundschau-Fotografen Jürgen Görgler. Ein ballonähnliches Gebilde hatte Bach in seinem Hof gefunden, verbunden mit einer Schnur zum Nachbargrundstück. Dort lag ein gefährlich aussehendes Päckchen, Antennenstücke ragten heraus.

Handelte es sich um eine Bombe oder einen „Gruß" von einem anderen Stern? Vorsichtshalber wurde die Polizei in Ahrweiler alarmiert, doch schon vor deren Eintreffen hatte man die Herkunft des Ufos (unbekanntes Flugobjekt) herausgefunden.

Auf der Rückseite des Fundstückes stand, auf den ersten Blick nicht erkennbar, ein Hinweis des Deutschen Wetterdienstes. Die Polizeibeamten waren nicht böse über die Fehlalarmierung, Sicherheit ging auch nach deren Meldung vor.

Die Nachfrage bei der Aeorologischen Station im Wetteramt Essen ergab, daß es sich um eine Radiosonde mit drei Meßfühlern für Temperatur, Feuchte und Luftdruck handelte. Die Meßdaten werden in der Sonde in Morsezeichen umgesetzt und laufend gesendet. Am Ballon, der mit Wasserstoff gefüllt ist, hängt außerdem ein pyramiden-ähliches, silberfarbenes Gebilde, das Radarstrahlen reflektieren soll, und somit Auskunft über die Höhenströmungen gibt.

Im Schnitt eine Höhe von 30 Kilometern erreichen diese Fluggeräte, die nach rund zweistündigem „Einsatz" abstürzen, da der Ballon durch den Überdruck im Innern, der in den dünneren Luftschichten entsteht, platzt. Im gesamten Bundesgebiet werden von den verschiedenen Wetterstationen diese Geräte gestartet, in Essen allein zweimal täglich, mittags und um Mitternacht. Für das Rücksenden der Radiosonde an das Instrumentenamt in Hamburg gibt es sogar eine Belohnung (8 Mark!) und die Erstattung der Portokosten. Dort wird sie kontrolliert und für den nächsten Einsatz parat gemacht.

„So schnell war ich selten am Einsatzort", meinte Rundschau-Fotograf Jürgen Görgler nach der ersten Aufregung und Bergung der Radiosonde in seinem Garten.

Ende der Schulspeisung 1950


Jakob Diederich / 1950

Am 30.6.1950 nahm die Schulspeisung, die seit 15. Mai des vorigen Jahres verabreicht worden war, ein Ende. Etwa ein Drittel der Kinder hielten die Speisung kostenlos. Die Zubereitung der Speisen lag in den Händen von Frau Katharina Hennes, die ihren Pflichten stets mit größter Gewissenhaftigkeit nachkam.

Schulspeisung in Lantershofen 1949


Maria Kuttig / 1950

Für die Kinder, deren Väter im Krieg geblieben waren, für Kinder aus Familien mit großer Kinderzahl und für Waisenkinder gab es die Schulspeisung.

Von der Gemeinde Lantershofen wurden die Rohstoffe wie Mehl, Milchpulver, Nudeln, Dosenfleisch, Schokolade und Kakao gestellt.

Meine Mutter hatte, da unser Haus gleich gegenüber der damaligen "Alten Schule" auf dem "Frumech" vor der Kirche lag, angeboten, die schultäglichen Speisungen vorzubereiten.

Nach einem vorgegebenen Plan wurde gekocht. Jeden Tag gab es etwas anderes, zum Beispiel Nudeln mit Fleisch, Wecken mit Kakao, Grießpudding mit Rosinen. Vor der großen Pause holten zwei Schuljungen den Topf oder Korb mit der fertigen Speisung bei meiner Mutter ab; sie verteilte dann alles gleichmäßig an die Kinder.

Alle Kinder waren sehr traurig, als nach ungefähr einem Jahr das "Pausenessen" eingestellt wurde.

Kotelettchen braten 1944


Maria Kuttig / 1944

Im Januar war immer Schlachtfest. Ein Teil des Fleisches wurde zu Wurst verarbeitet, der Rest kam in die Bütt und wurde gepökelt.

Wenn meine Mutter im Weinberg war, kam "Röschen", meine Freundin, zum Kotelettchenbraten. Wir hatten ja immer Hunger. Von dem gepökelten Fleisch aus der Bütt schnitten wir überall kleine Stücke ab: Das waren unsere "Kotelettchen."

Unser alter Herd hatte ein offenes Feuerloch, darauf kam dann die Pfanne mit dem Fleisch. Röschen sollte darauf aufpassen, ich musste noch die Küche putzen. Plötzlich schrie meine Freundin: "Et brennt, et brennt!"

Sie hatte die Bratpfanne beiseite gezogen und die Flammen hatten unsere Kotelettchen in Brand gesetzt. In meiner Not nahm ich den Putzeimer und schüttet den Inhalt über das Feuer. Eine Fettfontäne spritzte an den Wänden hoch.

Die Küche war frisch tapeziert: aber auch da wussten wir Rat. Wir machten eine Mehlpappe und klebten aus Tapetenresten kleine Stücke mit Blümchen auf jeden Fettflecken.

Wir fanden unser Werk gelungen, nicht aber meine Mutter. Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Röschen suchte schnell das Weite. Ich bekam eine Tracht Prügel.

Es hat nicht viel genutzt.

Wasch- und Badetag 1944


Maria Kuttig / 1944

Ab und zu, wenn meine Mutter nicht zu Hause war, mussten unsere Haustiere gewaschen werden.

Im Hof war vom Regen "e Püddelche". Wir trieben unser Schwein hinein und schrubbten es mit der Wurzelbürste und Kernseife tüchtig ab. Anschließend schütteten wir ihm einen Eimer Wasser über.

Dann waren die Hühner an der Reihe. Wir fingen sie ein und bürsteten ihnen die Füße gründlich ab. Jetzt musste "Teddy", unser Hund, dran glauben. Er bekam ein gründliches Bad. Anschließend hingen wir ihn mit einer Kordel unter den Vorderbeinen auf die Leine.

Meine Mutter kam nach Hause und sah mal wieder die Bescherung. Sie schrie: "Schnell! De Sou <Sau> en de Stall! Die kreitt sons de Lungenenzündung."

Für den Rest der Woche war dann für mich Hausarrest angesagt.

Mal wieder Fliegeralarm! 1944


Maria Kuttig / 1944

Wegen der vielen Fliegeralarme schliefen wir immer in Trainingsanzügen. Wenn die Sirene ging, sprangen wir aus dem Bett. Schnell war ein Täschchen mit den wichtigsten Dingen gepackt und dann rannten wir durch die Pflaumenallee in den Burgkeller. Diesmal gab jedoch es ein besonderes Ereignis:

Unser gepökeltes Fleisch hing gewöhnlich im "Räuches", der Räucherkammer. Wegen des Alarms hatte meine Mutter nun eine Nachbarin gebeten, ihr beim Transport einer "Bütte" mit den Schinken, Speckseiten und geräucherten Würsten in den Burgkeller zu helfen. Diese Kostbarkeiten wurden dann unter einer Sitzbank im Burgkeller deponiert.

Ab und zu besuchte uns Pastor Groß in unserer Notunterkunft. Er fragte meine Mutter: "Frau Hennes, worauf sitzen Sie denn da?" Sie antwortete: "Ich sitze auf meinem Schinken!"

Als sie begriff, was sie gesagt hatte, war der Herr Pastor schon mit hochrotem Kopf aus dem Keller geflohen.

"De Deutsche janz deef" 1943


Maria Kuttig / 1995

Als Kind musste Maria Kuttig die Fliegeralarme und -angriffe miterleben. Dass Kinder und Jugendliche die Vorgänge anders erlebten als die Erwachsenen, schildert sie in ihrem Kindheitserlebnisbericht aus der Kriegszeit:

"Fliegeralarm und Kellerlaufen waren an der Tagesordnung. In der Mittagszeit war es allgemein ruhig und meine Mutter erledigte die Gartenarbeit. Wir Kinder mussten nach oben ins Bett zum Mittagsschlaf.

Plötzlich wurde ich durch das laute Brummen von Flugzeugen aus dem Schlaf gerissen. Die Zimmerdecke über meinem Bett löste sich und stürzte herunter. Schreiend rannte ich nach unten. Mein Bruder lag unter dem Esszimmertisch und weinte laut.

Doch dann interessierte mich, was draußen los war. Die leeren Hülsen der Bordwaffen flogen durch den Hof und ich konnte die Männer in den Fliegern sitzen sehen; so tief flogen sie über unser Haus.

Kurz danach stürzte meine Mutter durch das Hoftor und schrie laut: "Verschwinde sofort ins Haus!" Mein kindlicher Kommentar war trocken: "Höck kunn de Deutsche janz deef!"

Weihnachten 1943


Maria Kuttig / 26. November 1994

Wir lebten auf dem Dorf. Während des Krieges besaß fast jede Familie ein Haustier, um den Bedarf an Fleisch selber decken zu können. Wir hatten ein Schwein. Im Frühjahr wurde beim Bauern ein Ferkel gekauft.

Während des Sommers fütterten wir es mit gekochten, kleinen Kartoffeln und Mehl. Wenn es kalt wurde, so etwa im Januar, war dann Schlachtfest. So ein Tier musste natürlich gemistet werden, auch an Weihnachten.

Meine Mutter übernahm diese Arbeit. Unser Vater war im Krieg, und meine Geschwister jünger als ich. So sollte ich Acht geben, dass Felix, so hieß unser Schwein, nicht weglief. Ich hatte gut aufgepasst, aber plötzlich war es verschwunden.

Das ganze Dorf wurde abgesucht. Die Nachbarn halfen. Trotzdem wurde die Sau nicht gefunden. Meine Mutter war ganz verzweifelt. Den Tränen nahe lief ich ins Haus und - oh Wunder, das Schwein stand im Wohnzimmer unterm Weihnachtsbaum und besah sich die bunte Pracht.

Jetzt kam ein neues Problem auf uns zu, es musste auch wieder raus! Zum Tragen war es zu schwer, und wäre es losgerannt, hätte es unser Zimmer demoliert. Vorsichtig habe ich mich an das Tier herangerobbt, als wäre ich seinesgleichen. Ich fütterte es mit Plätzchen und lockte es so in den Hof.

Dieses Weihnachten werde ich nie vergessen.

Die Lantershofener Kirchenuhr von 1752; der letzte Glöckner 1966


Robert Bender / 1993

Matthias Efferz aus Lantershofen hat im Jahre 1749 versprochen, eine Uhr für die Kapelle zu stiften, wenn er als Junggeselle sterben würde. Er hatte das Schneiderhandwerk erlernt. Wie es früher üblich war, machte er sich auf die "Walz", wie man die Wanderschaften der Handwerksgesellen nannte.

Unterwegs wurden Handwerksbetriebe des jeweiligen Berufes aufgesucht, um dort vorrübergehend Arbeit anzunehmen. Dies diente der beruflichen Fortbildung und der Auffrischung des Taschengeldes für die Weiterreise. So wurden die Wanderschaften mit Unterbrechungen durch ganz Deutschland, ja sogar bis ins Ausland durchgeführt.

Den Lantershofener Schneider und Junggesellen Effertz trieb es auf der "Walz" bis in die Stadt Pressburg in Ungarn. Pressburg war von 1526 bis 1748 ungarische Hauptstadt und Krönungsstadt der Könige. Die Stadt heißt heute Bratislava und gehört zur Tschechoslowakei. Dort landete er bei den "Barmherzigen Brüdern" einem Bettelorden, der sich der Krankenpflege gewidmet hatte, wo Matthias Effertz vermutlich als Schneider gearbeitet hat.

Wie aus der Niederschrift des damaligen Lantershofener Schultheiß Peter Hupertz vom 24. Januar 1752 hervorgeht, ist Matthias Effertz in Pressburg bei den Barmherzigen Brüdern verstorben und auch begraben worden.

Entsprechend seinem Versprechen haben seine Anverwandten die Uhr für die Kapelle dann beschafft. Der Kaufpreis betrug 42 1/2 Reichstaler. Der Taler war eine alte deutsche Silbermünze im Werte von 3 Mark. Er wurde erstmals geprägt in Joachimstal in Böhmen, wovon sich die Abkürzung "Taler" ableitet.

Am 24. Januar 1752 kam die Uhr in Lantershofen an und wurde im Turm der Kapelle aufgestellt. Die Uhr trägt auf dem Gestänge des Pendelwerks die Inschrift: MATTHIAS EFFELSBERG HAT DIESE UHR FUNDIRT 1752.

Wie man weiter aus der Niederschrift vom 24.1.1752 entnehmen kann, verhandelte der damalige Schultheiß Hupertz mit dem Glöckner (das war die Person, die morgens, mittags und abends die Glocke der Kirche läutete) wegen der Bedienung und Wartung der gestifteten Turmuhr. Für diese Leistung stellte die Gemeinde Lantershofen dem Glöckner die Weide am Fuchsbach bis zum Kirchweg, wie er von der Ronnebach kommt, zur Verfügung. Ronnebach und Kirchweg sind sie heutige Karweiler Straße.

Im Jahre 1881 wurde die alte Kapelle wegen Verfall abgerissen. In den Turm der an gleicher Stelle neu erbauten Kapelle wurde auch die Uhr des Matthias Effertz wieder eingebaut und man konnte die Tageszeit wieder am Ziffernblatt ablesen. Das eingebaute Schlagwerk verkündete die Uhrzeit durch die Anzahl der ausgelösten Schläge eines Klöppels auf eine der Glocken.

Die Pflichten und Aufgaben des Glöckners wurden bis zum Abriss der Kapelle 1966 von der Familie Görres, insbesondere durch Christian Görres ausgeübt. Ältere Leute werden sich noch daran entsinnen, dass die frühere Wiese am Fuchsbach von der Familie Görres genutzt wurde. So hatte es der Schultheiß Hupertz in der Niederschrift vom 24.1.1752 mit dem damaligen Glöckner vereinbart.

Mit dem Abriss der Kapelle verstummte auch der Stundenschlag der gestifteten Uhr.